Mo., 15.06.2026 - 13:57

GENF – Barham Salih, der Hochkommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen, hat heute den jährlichen Global Trends Report der Organisation vorgestellt. Der Bericht zeigt, dass die weltweite Zahl der gewaltsam Vertriebenen erstmals seit einem Jahrzehnt zurückgegangen ist – wenn auch weiterhin auf inakzeptabel hohem Niveau. 

Im Jahr 2025 flohen 5,4 Millionen Menschen vor Gewalt und Verfolgung in andere Länder. Gleichzeitig nahmen die Rückkehrbewegungen deutlich zu: 14,7 Millionen Vertriebene kehrten 2025 in ihre Herkunftsregionen oder Herkunftsländer zurück (4,4 Millionen Flüchtlinge und 10,3 Millionen Binnenvertriebene), mit einem starken Anstieg in Afghanistan, Sudan und Syrien. Die Zahl der zurückkehrenden Flüchtlinge war die zweithöchste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 60 Jahren. Viele kehrten jedoch unter Druck und in prekäre Verhältnisse zurück. 

Insgesamt ging die weltweite Zahl der Flüchtlinge im Jahr 2025 um 3 Prozent auf 41,6 Millionen zurück. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass im vergangenen Jahr fast 46’000 Staatenlose in 24 Ländern eine Staatsangehörigkeit erhielten. 

Da 70 Prozent der Flüchtlinge über Jahre hinweg im Exil leben und viele unterhalb der Armutsgrenze leben, rief Salih die internationale Gemeinschaft dazu auf, eine neue Initiative zu unterstützen. Diese soll Millionen Menschen aus langjähriger Vertreibung und aus der Abhängigkeit von humanitärer Hilfe herausführen.

«Für zu viele Flüchtlinge beginnt Vertreibung als Rettungsanker, dauert jedoch ein Leben lang an», sagte Salih. «Humanitäre Hilfe rettet Leben, aber sie ist kein Endziel und ermöglicht es Flüchtlingen nicht, ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, der Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung neue Hoffnung und neue Chancen eröffnet.»

Salih formulierte ein klares und messbares Ziel: Innerhalb des nächsten Jahrzehnts soll die Zahl der Flüchtlinge in langjähriger Vertreibung, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, um mehr als die Hälfte reduziert werden. Dadurch sollen sich die Zukunftsperspektiven von Millionen Menschen verbessern. Das Ziel konzentriert sich auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die den Grossteil der Flüchtlinge aufnehmen. Erreicht werden soll es durch den Ausbau von Rückkehrmöglichkeiten, Neuansiedlungen und humanitären Visa sowie durch die schrittweise Ablösung traditioneller Hilfsansätze durch Massnahmen zur Förderung der Eigenständigkeit.

Die Initiative ruft Regierungen, humanitäre und entwicklungspolitische Akteure, den Privatsektor sowie die Zivilgesellschaft dazu auf, ihre Anstrengungen zur Stärkung von Flüchtlingen zu intensivieren – und gleichzeitig Asyl und Schutz aufrechtzuerhalten. Dies ist im Jahr 2026, dem 75. Jahrestag der Genfer Flüchtlingskonvention, wichtiger denn je.

Salih erläuterte die notwendigen Schritte, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. Angestrebt wird, das selbst erwirtschaftete Einkommen von Flüchtlingen – ohne humanitäre Unterstützung – auf das nationale Armutsniveau des jeweiligen Aufnahmelandes anzuheben.

Die freiwillige Rückkehr müsse die wichtigste Lösung bleiben. Die Beilegung einiger der grössten Konflikte der Welt würde Millionen weiteren Flüchtlingen eine sichere und würdevolle Rückkehr ermöglichen.

Ein weiterer zentraler Pfeiler ist die Einbeziehung von Flüchtlingen in nationale Systeme – insbesondere in Bildung, Gesundheitsversorgung, Finanzdienstleistungen und Arbeitsmärkte –, damit sie ein Einkommen erzielen und zu lokalen und nationalen Volkswirtschaften beitragen können. Dies erfordert deutlich höhere Investitionen verschiedener Partner, um stark belastete Aufnahmeländer zu unterstützen.

Schliesslich seien, so Salih, dringend mehr Lösungen in Drittstaaten erforderlich – etwa durch die Neuansiedlung besonders schutzbedürftiger Personen, Familienzusammenführungen sowie den Zugang zu Arbeitsbewilligungen und Stipendien. Die Lücke zwischen den verfügbaren Plätzen und dem tatsächlichen Bedarf sei enorm und wachse weiter. Der Bericht zeigt, dass die Zahl der Menschen, die 2025 über Neuansiedlungs- oder Sponsoringprogramme aufgenommen wurden, im Vergleich zum Vorjahr um mehr als die Hälfte auf 81’800 sank.

«Asyl und Schutz retten Leben und stehen nicht zur Debatte. Wir dürfen jedoch keine Zukunft akzeptieren, in der Millionen Flüchtlinge über Jahre oder Jahrzehnte hinweg ohne realistische Perspektiven auf ein neues Leben feststecken», sagte Salih. «Wir verfügen nun über ein ehrgeiziges, erreichbares und messbares Ziel, um Eigenständigkeit zu fördern und das Leben von Millionen Menschen nachhaltig zu verbessern. UNHCR wird die Kräfte der gesamten Gesellschaft mobilisieren, um dieser Herausforderung zu begegnen und Millionen Menschen Wege aus der zermürbenden Realität langjähriger Vertreibung zu eröffnen.»

Hinweise für Redaktionen

Der Global Trends Report zeigt, dass mehr als 70 Prozent der Flüchtlinge und anderer Menschen mit internationalem Schutzbedarf aus Afghanistan, Südsudan, Sudan, Syrien, der Ukraine und Venezuela stammen. Die wichtigsten Aufnahmeländer von Flüchtlingen und anderen Schutzsuchenden im Jahr 2025 waren Kolumbien (2,8 Millionen), Deutschland (2,7 Millionen), die Türkei (2,4 Millionen), Uganda (1,9 Millionen), die Islamische Republik Iran (1,7 Millionen), Tschad (1,5 Millionen) und Pakistan (1,3 Millionen).

Gemäss Daten des Internal Displacement Monitoring Centre waren Ende 2025 weltweit rund 68,6 Millionen Menschen infolge von Konflikten oder Gewalt innerhalb ihres Landes vertrieben – ein Rückgang um 7 Prozent gegenüber Ende 2024. Sudan blieb mit 9,1 Millionen Binnenvertriebenen die weltweit grösste Vertreibungskrise. Der Krieg im Nahen Osten, der im Februar 2026 begann, führte bis Mitte Mai 2026 zu schätzungsweise 1 Million Binnenvertriebenen im Libanon und bis Ende März 2026 zu 3,2 Millionen vorübergehend Vertriebenen in der Islamischen Republik Iran.

Weltweit wurden Ende 2025 rund 4,5 Millionen Staatenlose registriert – 3 Prozent mehr als im Vorjahr.