Fr., 06.11.2026 - 11:13

Genf, 30. Oktober 2026 – Angesichts fehlender finanzieller Mittel und stark steigender Energiepreise benötigen mindestens 9 Millionen Menschen in vier von Konflikten betroffenen Ländern – der Ukraine, Syrien, dem Libanon und Afghanistan – zusätzliche Unterstützung, um den bevorstehenden Winter zu überstehen. Darauf machte UNHCR, die UN-Flüchtlingsorganisation, heute anlässlich der Lancierung seines jährlichen Winterappells aufmerksam.

Um die erheblichen Budgetkürzungen teilweise auszugleichen, will UNHCR im Rahmen seiner jährlichen Spendenkampagne, die sich an Privatpersonen und den Privatsektor richtet, mindestens CHF 41,2 Millionen für die Winterhilfe 2026/27 sammeln. Das sind ca. CHF 2,5 Millionen mehr als im vergangenen Jahr.

«Die Ressourcen sind knapp und die Kosten steigen rasant, während die Wintermonate auf der nördlichen Hemisphäre näher rücken», sagte Dominique Hyde, Direktorin für Aussenbeziehungen bei UNHCR. «Millionen Menschen in diesen fragilen, von Konflikten betroffenen Ländern drohen der Kälte schutzlos ausgeliefert zu sein. Sie sind mehr denn je auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen. Wir müssen sie jetzt dringend schützen.»

Der Bedarf an Winterhilfe ist in allen vier Einsatzgebieten enorm. Millionen Menschen sind mit zuletzt stark gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreisen, provisorischen Unterkünften, einem Mangel an Brennstoff zum Heizen und Kochen sowie unzureichender Kleidung und Decken konfrontiert. Dies belastet die ohnehin knappen Haushaltsbudgets zusätzlich. Bereits vor Winterbeginn waren Vertriebene und die sie aufnehmenden Gemeinschaften von Kürzungen bei der finanziellen Unterstützung, im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich und bei den Existenzsicherungsprogrammen betroffen. Mit den gesammelten Spenden werden unter anderem Heizgeräte in Afghanistan, Thermodecken in Syrien und im Libanon sowie Reparatursets für Häuser in der Ukraine finanziert, die durch Bombenangriffe beschädigt wurden und wo die Energieversorgung besonders prekär ist.

 

In der Ukraine steht der fünfte Winter seit Beginn des russischen Grossangriffs bevor. Die Temperaturen könnten auf bis zu minus 20 Grad Celsius fallen. Gleichzeitig nehmen die Angriffe der Russischen Föderation auf Zivilpersonen und humanitäre Helferinnen und Helfer zu. Stromausfälle verschärfen das Leid der vom Krieg gezeichneten Bevölkerung, darunter rund 4 Millionen Menschen, die innerhalb des Landes vertrieben wurden. Im vergangenen Winter wurden Energieanlagen mindestens 423-mal angegriffen. Der Winterhilfeplan von UNHCR sieht finanzielle Unterstützung für rund 310'000 Menschen sowie die bessere Isolierung von Wohnhäusern für 80'000 Menschen vor. Das Monitoring von UNHCR ergab, dass 75 Prozent der Menschen, die zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 die Ukraine verliessen, als Grund fehlende Strom-, Wasser- oder Heizungsversorgung angaben. Dies unterstreicht, wie winterliche Bedingungen zu Vertreibung führen können.

In Dnipro schilderte Svitlana UNHCR ihre Ängste, nachdem im vergangenen Winter eine Drohne in ihre Wohnung eingeschlagen war. Sekunden vor dem Angriff hatte sie ihren Sohn Yosyp gepackt und war mit ihm in den Keller geflüchtet.

«Danach sah ich überall Glasscherben verstreut. Wäre mein Kind zu diesem Zeitpunkt im Zimmer gewesen, wären seine Überlebenschancen sehr gering gewesen ... [Draussen] sah ich die Legosteine, mit denen Yosyp gespielt hatte. Er hatte sie auf der Fensterbank aufgebaut. Und ich sah die Schienen seiner Spielzeugeisenbahn am Eingang des Gebäudes. Da wurde mir klar, dass wir keine Fenster mehr hatten.»

 

Afghanistan steht angesichts gross angelegter Rückkehrbewegungen, eines enormen humanitären Bedarfs und gravierender Finanzierungslücken vor einem weiteren schwierigen Winter. Zwischen Januar 2025 und Juli 2026 kehrten fast 4 Millionen Menschen aus Pakistan und Iran zurück, viele von ihnen mit nur begrenzten Mitteln, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Daten der Vereinten Nationen zufolge werden 2026 rund 4,2 Millionen Menschen Unterstützung im Bereich der Unterkünfte benötigen. Zudem gab fast ein Drittel der untersuchten Haushalte an, nicht über ausreichend Winterkleidung zu verfügen. Finanzierungslücken schränken die verfügbaren Hilfsleistungen ein, darunter finanzielle Unterstützung für Rückkehrende, Reparatursets für Unterkünfte, Decken und Heizgeräte.

«Familien müssen schwierige Entscheidungen zwischen Heizen, Lebensmitteln und Gesundheitsversorgung treffen. Im vergangenen Winter verbrannten viele Karton, Papier oder Plastikabfälle, um sich warm zu halten, weil Kohle und Brennholz unerschwinglich geworden waren», sagte Hyde. «Kinder sind besonders gefährdet, und wir befürchten, dass sich die Situation des vergangenen Winters wiederholen könnte, als zahlreiche Fälle von Lungenentzündungen und Atemwegserkrankungen auftraten.»

 

In Syrien gibt es Anlass zu vorsichtigem Optimismus, da seit dem Sturz des Assad-Regimes vor zwei Jahren Millionen Menschen aus den Nachbarländern zurückgekehrt sind. Ohne zusätzliche finanzielle Mittel für die grundlegende Winterhilfe – ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Heizöl – könnte die Situation der Rückkehrenden jedoch zunehmend prekär werden. In Syrien benötigen 2,4 Millionen Menschen in besonders bedürftigen Gebieten Winterhilfe. UNHCR hofft, rund 230'000 Menschen unterstützen zu können – weniger als die Hälfte der im vergangenen Winter erreichten Menschen.

 

Im Libanon werden voraussichtlich fast 300'000 Menschen Winterhilfe benötigen. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel kann UNHCR jedoch nur die Hälfte der Bedürftigen erreichen. Die stark gestiegenen Heizkosten verschärfen die prekäre Lage zusätzlich: Die Dieselpreise haben sich seit der regionalen Eskalation im März 2026 nahezu verdoppelt. Familien berichten, dass die Unterstützung, die früher einen Grossteil des Winters abdeckte, heute möglicherweise nur noch für wenige Wochen reicht.

 

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