Im Sonnenhof in Küsnacht stehen Menschen in kleinen Gruppen zusammen, tauschen sich aus, lernen sich kennen. Beim Apéro mischen sich Flüchtlinge aus der Ukraine mit Nachbarinnen und Nachbarn, Freiwilligen und Vertretern der Gemeinde. Es wird ukrainisch gekocht, gemeinsam geteilt und vor allem gesprochen: über den Alltag, das Ankommen und über das, was verbindet. Der Erlös der Tavolata-Veranstaltungen fliesst direkt zurück in die Ukraine, um Projekte vor Ort zu unterstützen.
Was hier ganz selbstverständlich wirkt, ist das Ergebnis eines aussergewöhnlichen Engagements, das vor vier Jahren mit einer mutigen Entscheidung begann: Als der totaler Krieg in der Ukraine ausbrach, entschloss sich die Gemeinde Küsnacht, nicht zuzusehen – sondern zu handeln. Mit dem Projekt Sonnenhof entstand ein Ort, der bis heute über hundert besonders verletzlichen Menschen auf der Flucht Schutz, Stabilität und Perspektive bietet.
Schnelle Hilfe für die Schwächsten
Nur wenige Tage nach dem totalen Kriegsausbruch erreichte eine dringende Anfrage die Schweiz: Eine Gruppe krebskranker Kinder aus der ukrainischen Stadt Schytomyr brauchte dringend medizinische Hilfe und Schutz. Der Küsnachter Ingenieur Alexander Lüchinger, der zuvor geschäftlich in der Ukraine tätig war, reagierte sofort. Er organisierte drei Reisecars zur polnisch‑ukrainischen Grenze, um Flüchtlinge, darunter auch Kinder mit schwerer Krankheit und ihre Familien, in die Schweiz zu bringen. Insgesamt konnten bei dieser Aktion rund 120 Menschen sicher nach Küsnacht gebracht werden. „Es war bereits meine zweite Ukraine-Fahrt innerhalb weniger Tage“, berichtete Lüchinger gegenüber der Presse.
Zurück in Küsnacht begann die nächste Phase: Innerhalb von nur fünf Tagen wurde das zuvor leerstehende Altersheim Sonnenhof – dank der Zurverfügungstellung der Stadt Zürich – komplett instandgesetzt: Strom, Wasser, Heizung, Möbel und medizinische Infrastruktur wurden eingerichtet, um den Flüchtlingen schnell und würdevoll Unterkunft zu bieten. Was als akute Nothilfe begann, entwickelte sich rasch zu einem langfristigen Projekt, getragen von der Gemeinde und der Zivilgesellschaft.
Gemeinsam statt allein: Zusammenarbeit trägt den Erfolg
Ein zentrales Element des Projekts ist die enge Zusammenarbeit zwischen Gemeindeverwaltung, Zivilschutz, lokalen Organisationen und unzähligen freiwilligen Helferinnen und Helfern. “Die erfolgreiche Zusammenarbeit von engagierten Bürgerinnen und Bürgern und der Gemeinde war ein Schlüssel für die erfolgreiche und kurzfristig durchgeführte Aktion”, sagt Markus Ernst, Gemeindepräsident von Küsnacht. Ohne diese gebündelte Energie und den Einsatz vieler Freiwilliger wäre das Projekt in dieser Form nicht möglich gewesen.
Die Bevölkerung reagierte mit grosser Offenheit und Solidarität: Spenden, logistische Unterstützung durch das Militär, Einsätze von externen Firmen und die Bereitschaft, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, machten die Umsetzung tragfähig.
Mehr als nur ein Heim: ein Zuhause
Heute leben im Sonnenhof über hundert Menschen, darunter viele Kinder und ihre Familien. Neben einer sicheren Unterkunft stehen eine medizinische Begleitung sowie Unterstützung beim Zugang zu Ausbildung, Schule und sozialen Angeboten im Zentrum des Projekts. Die ersten Wochen und Monate nach Ankunft erforderten intensive Betreuung; von der Einbindung in das Schulsystem bis zur Organisation von medizinischen Terminen oder Sprachkursen.
Eine zentrale Rolle im Alltag des Sonnenhofs spielt Anna Uminska, die als Hausmutter die Bewohnerinnen und Bewohner begleitet. Gemeinsam mit Alexander Lüchinger organisierte sie die Transporte, koordinierte die Ankunft der Familien und unterstützte von Beginn an bei Übersetzungen und der täglichen Organisation.
„Ich habe immer eine grosse Unterstützung durch die Schweizer Gemeinschaft gespürt. Die Menschen hier sind ausserordentlich hilfsbereit und freundlich“, sagt sie.
Stimmen aus dem Sonnenhof
Auch die Geschichten der Menschen selbst zeigen, was das Projekt Sonnenhof bewirkt:
„Ich fühlte mich wie ein kleines, hilfloses Kind in einer unbekannten Welt“, erinnert sich Yaroslava Kharytska an ihre Ankunft in Küsnacht mit ihrem Sohn. Die Sprache war fremd, die Ungewissheit gross – doch Schritt für Schritt entstand ein neuer Alltag: Schulbesuch, medizinische Betreuung und erste soziale Kontakte gaben Halt. „Mit der Zeit wurde mir klar: Das Leben muss hier und jetzt gelebt werden, nicht nur im Warten auf Veränderungen.“ Heute lernt Yaroslava Deutsch, sucht Arbeit und blickt trotz aller Unsicherheit nach vorn – getragen von der Unterstützung, die sie seit dem ersten Tag erfahren hat.
Für Alina Skuratova war die erste Zeit von Angst und Unsicherheit geprägt. Auch für ihren Sohn. „Lange dachte er, wir würden bald wieder zurückkehren“, erzählt sie. Doch mit Unterstützung der Schule, der Gemeinde und der Sonnenhof-Gemeinschaft hat sich ihr Leben Schritt für Schritt stabilisiert. Heute macht ihr Sohn eine Lehre, ein Zeichen dafür, dass Ankommen möglich ist.
Perspektiven und Ausblick
Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünsche, antwortet der Markus Ernst offen: “Mein Wunsch wäre natürlich, dass solche Projekte gar nicht nötig sind. Aber ich bin dankbar, dass wir in Küsnacht mit dem Sonnenhof unseren kleinen Beitrag für die Ukraine leisten können. Und ich bin dankbar, dass sich auch nach bald vier Jahren weiterhin Bürgerinnen und Bürger im Sonnenhof engagieren.”
Er betont zugleich die Bedeutung von lokalem Engagement: “Weder die Gemeinde noch Private allein wären in der Lage gewesen, das ‚Projekt Sonnenhof‘ zu einer langfristigen Erfolgsgeschichte zu machen.” Die klare Botschaft: Solidarität lebt von Zusammenarbeit – zwischen Behörden, Zivilgesellschaft und engagierten Einzelpersonen.
Ein Beispiel für andere Gemeinden
Das Sonnenhof‑Projekt in Küsnacht steht exemplarisch dafür, wie Schweizer Gemeinden – selbst grosse wie kleine – konkret Verantwortung übernehmen können, wenn Menschen auf der Flucht Schutz und eine Perspektive brauchen. Besonders an einem Gedenktag wie dem vierten Jahrestag des Ukraine‑Vollkriegs zeigt dieses Projekt, wie lokale Solidarität wirken kann: nachhaltig, menschlich und gemeinschaftlich.
Auch Ihre Gemeinde kann helfen: ob durch eine Unterkunft, ein Begegnungsangebot oder gezielte Unterstützung: Jede Gemeinde kann einen Beitrag leisten. Küsnacht zeigt, wie lokale Solidarität Leben verändern kann.
Setzen auch Sie sich ein – informieren Sie sich bei Ihrer Gemeinde oder unterstützen Sie unsere Arbeit oder kontaktieren Sie uns für konkrete Ideen: https://unrefugees.ch/de/kontaktieren-sie-uns