Mi., 08.04.2026 - 11:39

Ein Interview mit Sebastian Herwig, UNHCR-Beauftragter für Aussenbeziehungen in Kairo 

Der Sudan erlebt derzeit die weltweit grösste Vertreibungskrise. Fast zwölf Millionen Menschen wurden zur Flucht gezwungen. Das ist einer von drei Einwohner des Sudan. Die meisten von ihnen sind ins benachbarte Ägypten geflüchtet. Doch trotz des erschreckenden Ausmasses der Krise erscheint sie rund um den Globus kaum in den Schlagzeilen. In Kairo, wo sich weiterhin täglich Hunderte von Sudanesinnen und Sudanesen bei UNHCR registrieren lassen, erlebt Sebastian Herwig, UNHCR-Beauftragter für Aussenbeziehungen, die Notlage hautnah. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was er wahrnimmt, warum die Krise unsichtbar bleibt und was ihn weitermachen lässt. 

Sie arbeiten seit über zehn Jahren in der humanitären Hilfe. Wie präsentiert sich Ihnen die Sudankrise im Vergleich?

Sebastian Herwig:

Das Ausmass der Sudankrise ist aussergewöhnlich. Fast zwölf Millionen Menschen wurden vertrieben. Das heisst, dass jeder vierteSudanese zur Flucht gezwungen wurde und global gesehen jeder 13. Flüchtling aus dem Sudan stammt.  

Die Auswirkungen in Ägypten sind dramatisch: Seit Kriegsbeginn ist die Zahl der registrierten sudanesischen Flüchtlinge um das Vierzehnfache gestiegen. Ägypten ist nun der weltweit grösste Empfänger neuer individueller Asylgesuche. Aber Zahlen allein können nicht wiedergeben, was das bedeutet. Als ich nach Ausbruch der ersten Kämpfe im April 2023 eine der ersten UN-Missionen im sudanesisch-ägyptischen Grenzgebiet leitete, kamen dort Busse voller Familien an, die vor extrem gefährlichen Situationen geflüchtet waren. Einige hatten frische Schuss- oder Splitterwunden, weil ihre Fahrzeuge beim Durchqueren der Wüste vor der ägyptischen Grenze ins Kreuzfeuer gerieten. Hinter der puren Statistik verbergen sich zahlreiche Einzelschicksale. 

«Geschwindigkeit und Ausmass der Vertreibung aus dem Sudan übertreffen alles, was ich je gesehen habe.»

Ich habe unter anderem in Somalia, Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet und damit so einige Krisen gesehen. Aber Geschwindigkeit und Ausmass der Vertreibung aus dem Sudan übertreffen alles, was ich je gesehen habe.

Warum schenkt die Welt dem Sudan trotz dieses Ausmasses so wenig Beachtung?

Obwohl es sich um die weltweit grösste Vertreibungskrise handelt, bekommt der Sudan kaum Aufmerksamkeit. Andere globale Notlagen dominieren die Schlagzeilen und der Sudan verschwindet aus dem Blickfeld. Der Zugang zum Land ist stark eingeschränkt: Unsicherheit und strenge Restriktionen machen es Journalistinnen und Journalisten sowie humanitären Organisationen fast unmöglich in die am schwersten betroffenen Gebiete zu gelangen. Deshalb erreichen nur wenige Bilder und Augenzeugenberichte die internationale Öffentlichkeit. In Ägypten leben die sudanesischen Flüchtlinge in städtischen Wohnquartieren und nicht in Camps – ein Modell, das für UNHCR mehr Würde und Inklusion bedeutet und damit begrüssenswert, aber weitaus weniger bildwirksam ist. Und das hat Folgen: Wird eine Krise nicht gesehen, erhält sie weniger politische Aufmerksamkeit und weniger Mittel, selbst wenn der Bedarf weiter steigt. 

Sebastian Herwig steht vor der UNHCR-Registrierungsstelle in Zamalek, Kairo.
Sebastian Herwig steht vor der UNHCR-Registrierungsstelle in Zamalek, Kairo.

Was bedeuten Mittelkürzungen für die Flüchtlinge in Ägypten?

Da die Registrierungen in Ägypten von durchschnittlich etwa 150 pro Tag vor der Sudankrise (April 2023) auf heute 600 gestiegen sind, ist der Bedarf exponentiell gestiegen. Die Mittel haben damit jedoch nicht Schritt gehalten. 

Die Mittelkürzungen haben ernste Auswirkungen. Ende 2025 verfügte UNHCR Ägypten in etwa über dieselben finanziellen Mittel wie 2022 vor der Sudankrise – trotz der stark zunehmenden Anzahl neu ankommender Flüchtlinge.

«Finanzierungslücken bedeuten unmögliche Entscheide.»

Flüchtlinge sind für Miete, Lebensmittel, Gesundheitsfürsorge und Bildung auf Unterstützung angewiesen. Die Bargeldhilfe ist eines der wichtigsten Instrumente von UNHCR. Aber aufgrund der begrenzten Ressourcen sind wir dazu gezwungen, äusserst schwierige Entscheide darüber zu treffen, wer Hilfe erhält und wer nicht. Da die Mittel knapp werden und Prioritäten sich verschieben, ist dieser Rettungsring oft einer der ersten, der wegfällt. 

Was bringt Sie nach so vielen Jahren in diesem Job dazu, weiterzumachen?

Meine Motivation ist sehr persönlich. Ich habe immer davon geträumt, einer Arbeit nachzugehen, die meinen Werten entspricht und etwas bewirkt; einer Arbeit, die internationale Diplomatie und die direkte Unterstützung von zur Flucht gezwungenen Menschen verbindet. Meine Grossmutter war Flüchtling im Zweiten Weltkrieg. Als kleines Mädchen musste sie an einen Ort flüchten, an dem sie niemanden kannte, und bewahrte sich die Hoffnung auf eine Heimkehr. Diese Hoffnung hat sich nie erfüllt. Jahrzehntelang konnte sie nicht darüber sprechen, was sie durchgemacht hatte. Als sie schliesslich später im Leben ihre Erinnerungen mit uns teilte, kam das Erlebte lebendig und schmerzhaft zurück. 

Beim Zuhören bekam ich ein Verständnis dafür, was Vertreibung bedeutet. Kriegsmechanismen verändern sich, aber das menschliche Erleben – der Verlust, die Unsicherheit, die vielen Gestalten erlebter Gewalt und das Heimweh – bleibt gleich und ist auch heute noch die Realität viel zu vieler Menschen. 

Was mich dazu bringt weiterzumachen, ist die Überzeugung, dass zur Flucht gezwungene Menschen es nicht nur schaffen können zu überleben, sondern ihr Leben wieder zum Blühen zu bringen. Ich bin stolz für die Vereinten Nationen zu arbeiten, die eine Stimme der Vernunft in einer Zeit darstellen, in der es mehr denn je auf Solidarität und den Schutz der Bedürftigsten ankommt.

Häufig gestellte Fragen zur Lage sudanesischer Flüchtlinge in Ägypten

Warum fliehen die Sudanesen aus dem Sudan?

Seit April 2023 stehen sich im Sudan zwei militärische Fraktionen gegenüber. Die Zivilbevölkerung ist davon schwer betroffen: Es kommt zu Massakern, Plünderungen und dem systematischen Einsatz sexueller Gewalt als Kriegswaffe. Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben oder sind in die Nachbarländer geflohen.

Wie viel Geld benötigt UNHCR, um den Flüchtlingen in Ägypten zu helfen?

UNHCR benötigt 7,8 Millionen Franken, um bis zum Jahresende weiterhin lebenswichtige finanzielle Hilfe für fast 20'000 der am stärksten gefährdeten Flüchtlingsfamilien (rund 96'000 Menschen) in Ägypten leisten zu können. Dieser Betrag stellt das absolute Minimum dar, um eine weitere Verschlechterung der ohnehin schon kritischen Lebensbedingungen zu verhindern.

Wie haben sich die Finanzierungslücken im Jahr 2026 auf die Hilfe für sudanesische Flüchtlinge in Ägypten ausgewirkt?

Aufgrund gravierender Finanzierungslücken musste UNHCR die Zahl der unterstützten Familien zwischen Januar und März 2026 um fast 50 % reduzieren, von über 17'000 Familien auf etwas mehr als 9'000. Infolgedessen haben bereits mehr als 8'200 besonders schutzbedürftige Familien (über 37'500 Menschen) den Zugang zu Hilfe verloren.

Können Flüchtlinge in den Sudan zurückkehren?

Derzeit lässt die Sicherheitslage eine sichere Rückkehr nicht zu. UNHCR arbeitet daran, dauerhafte Lösungen zu finden, die es den Flüchtlingen ermöglichen, in der Nähe ihres Herkunftslandes zu bleiben.

Was sind die Folgen, wenn keine zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden?

Ohne sofortige zusätzliche Unterstützung sind die verbleibenden Hilfsprogramme gefährdet. Dies hätte direkte Auswirkungen auf die Fähigkeit der Flüchtlinge, ihre Grundbedürfnisse zu decken, insbesondere den Zugang zu Nahrungsmitteln, Unterkünften und lebenswichtigen Medikamenten.

Wie kann ich sudanesischen Flüchtlingen helfen?

Sie können die Arbeit von UNHCR zugunsten sudanesischer Flüchtlinge mit einer Spende unterstützen. Jeder Beitrag, und sei er noch so klein, macht einen direkten Unterschied im Leben der Flüchtlingsfamilien.