Uliana Schutska erinnert sich, wie sie durch das Treppenhaus rannte. Die Bombenangriffe näherten sich Awdijiwka. In der Hast den Schutzraum zu erreichen, fiel sie hin und brach sich das Bein. Nach dem darauffolgenden anderthalbmonatigen Spitalaufenthalt war ihre Geburtsstadt in der Region Donezk besetzt. Eine Rückkehr war unmöglich. Ihr Ausweis? Lag unerreichbar zu Hause.
Im Februar 2026 geht der internationale bewaffnete Konflikt in der Ukraine in sein fünftes Jahr und Ulianas Geschichte ist ein Beispiel für das Schicksal von Zehntausenden weiteren Vertriebenen. Denn ausser einem verlorenen Zuhause, weit versprengten Angehörigen und zurückgelassenen Erinnerungen ist es oft die Identität selbst, die Flüchtlingen abhandenkommt.
Fehlt der Ausweis, wird alles kompliziert
«Ohne Ausweis bist du nichts», sagt Uliana mit entwaffnender Einfachheit. Zwei Jahre lang musste die ehemalige Köchin mit den Folgen dieser administrativen Unsichtbarkeit leben. Unmöglich ein Zugbillett zu bekommen, ein Bankkonto zu eröffnen, staatliche Zuwendungen zu erhalten oder gar Hilfeleistungen wie warme Kleidung von Organisationen zu erhalten, die nach einem Ausweis fragten.
In Dnipro, wo sie schliesslich Unterschlupf bei früher geflüchteten Angehörigen fand, erfuhr Uliana von Right to Protection, einem ortsansässigen Partner von UNHCR. Dieser bot ihr kostenlose juristische Unterstützung. «Sie haben mir bei allen nötigen Schritten beim Migrations- und Finanzamt geholfen», erklärt sie.
«Dokumente sind das Wichtigste. Ohne sie hat man praktisch keinen Zugang zu jeglicher Art von Unterstützung.» — Uliana Schutska
Rechtsschutz, eine unsichtbare Säule
Die Arbeit von UNHCR in der Ukraine beschränkt sich nicht darauf, Decken zu verteilen und Häuser zu reparieren – so wichtig diese Tätigkeiten auch sind. Der Rechtsschutz ist eine wesentliche Säule der humanitären Hilfe, da er den Zugang zu allen weiteren Rechten ebnet.
Ohne rechtliche Identität wird das Leben von Vertriebenen vom einfachen Zugbillettkauf bis hin zum legalen Arbeiten um einiges komplizierter. Sie werden leicht Opfer von Ausbeutung, Menschenhandel und Ausgrenzung. Die Teams von UNHCR und seinen Partnern sind in den Transit-, temporären Evakuierungs- und Kollektivzentren im ganzen Land zur Stelle, um die gewaltsam vertriebenen Menschen in diesem administrativen Prozess zu begleiten.
Mit ihrem neuen Ausweis in der Tasche kann Uliana den Winter jetzt anders angehen. «Dank des Ausweises kann ich andere Unterstützungsangebote und monetäre Hilfen in Anspruch nehmen, eine Heizung, warme Kleider und mehr Decken kaufen», sagt sie. In dem schlecht isolierten Schlafsaal, in dem sie lebt, sinken die Temperaturen in den Wintermonaten gefährlich tief.
Was ist Schutz gemäss dem Auftrag von UNHCR?
Der von UNHCR gebotene Schutz geht weit über materielle Hilfe hinaus. Er gewährleistet den Respekt der Grundrechte von Flüchtlingen und Vertriebenen, sichert ihnen den Zugang zu Obdach und verhindert, dass sie in Regionen, in denen Gefahr herrscht, zurückgeschickt werden. Dieser Schutz umfasst juristische Hilfe – wie die Unterstützung bei der Erlangung von Ausweisdokumenten –, den physischen Schutz von besonders gefährdeten Gruppen und die Deckung grundlegender Bedürfnisse wie eine Unterkunft und medizinische Versorgung. UNHCR setzt sich auch bei Regierungen für die Verstärkung von Gesetzen zum Schutz von Vertriebenen ein und engagiert sich für nachhaltige Lösungen: freiwillige Heimkehr, lokale Integration oder Neuansiedlung in einem Drittland.
Auch nach vier Jahren keine Beruhigung in Sicht
Die Geschichte von Uliana ist Teil einer harten Realität, die sich nicht bessert. Die Luftangriffe werden fast täglich fortgesetzt und treffen sowohl die Gebiete nahe der Front als auch die Städte im Westen des Landes. Im letzten November wurden beim Angriff auf Ternopil mindestens 38 Zivilistinnen und Zivilisten getötet – die meisten Todesopfer, die seit Beginn der russischen Invasion bei einem Angriff auf die Westukraine gezählt wurden.
Zwangsevakuierungen nehmen zu. Die sich nähernden Kämpfe, zerstörte Infrastruktur, harte Winter ohne Strom und ohne Heizung: Es gibt genügend Gründe, die Familien zu einer oft abrupten Flucht drängen. Viele kommen mit nichts weiter als der Kleidung, die sie auf dem Leib tragen, in den Transitzentren an – und manchmal, so wie Uliana, ohne jeglichen Identitätsnachweis.
«Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie Leute wie mich unterstützen. Danke!» — Uliana Schutska
Das Leben Dokument für Dokument wieder aufbauen
Wenn Uliana von ihrer Erfahrung berichtet, tut sie dies ohne viel Aufhebens. Sie erzählt einfach von den Hindernissen im Alltag, der nötigen Geduld und der aufrichtigen Dankbarkeit, die sie gegenüber denjenigen empfindet, die ihr dabei geholfen haben, wieder «jemand» zu werden. Denn im Grunde geht es genau darum: die Würde zurückzugewinnen.
Die Rechtsschutztätigkeit von UNHCR und Partnern wie Right to Protection oder Proliska – europäische Preisträgerin des Nansen-Flüchtlingspreises 2025 – macht keine Schlagzeilen. Sie sorgt nicht für spektakuläre Bilder. Aber sie verändert Leben.
Heute hat Uliana ihre definitive Identitätskarte bekommen. Endlich konnte sie ein Bankkonto eröffnen, Zuwendungen erhalten, ein scheinbar normales Leben zurückgewinnen. Der Winter war hart, aber sie ist nicht mehr unsichtbar.
In einem internationalen bewaffneten Konflikt, der seit vier Jahren andauert und in dem sowohl der Bevölkerung als auch der internationalen Gemeinschaft die Erschöpfung mehr und mehr anzumerken ist, machen uns solche Geschichten unauffälliger Resilienz erneut bewusst, warum die Unterstützung aufrechterhalten werden muss. Denn jeder Mensch verdient es zu existieren – legal, würdevoll und vollumfänglich.
Häufig gestellte Fragen zur Lage in der Ukraine und zur Arbeit von UNHCR
Warum sind Ausweisdokumente für Vertriebene so wichtig?
Ohne einen offiziellen Ausweis haben Vertriebene ohne Bankkonto weder Zugang zu staatlichen Hilfen noch zu gewissen humanitären Hilfsprogrammen oder manchen grundlegenden Gesundheits- oder Bildungsleistungen.
Wie hilft UNHCR Personen ohne Ausweis in der Ukraine?
UNHCR arbeitet mit ortsansässigen Partnern zusammen, um kostenlose juristische Unterstützung zu bieten: Begleitung bei administrativen Schritten, Hilfe bei der Wiedererlangung von verlorenen Ausweisen, Rechtsberatung zur Wahrnehmung von Rechten. Diese Unterstützung ist in Transitzentren und Aufnahmeeinrichtungen im ganzen Land verfügbar.
Wie viele Menschen mussten aus ihrer Heimat in der Ukraine flüchten?
In der Ukraine gibt es Millionen von Binnenvertriebenen. Allein zwischen Januar und November 2025 haben sich 80'000 Menschen auf der Flucht aus den sich ausdehnenden Kampfgebieten in Transitzentren begeben. Das Land zählt 3,7 Millionen Binnenvertriebene gegenüber 5,9 Millionen Menschen, die in andere Länder geflohen sind.
Was bietet UNHCR ausser juristischer Unterstützung?
UNHCR befriedigt die grundlegenden Bedürfnisse nach Angriffen (Unterkünfte, psychosoziale Unterstützung, Bargeld), repariert beschädigte Häuser, liefert lebensnotwendige Güter für den Winter und unterstützt Einrichtungen, die gefährdete Personen aus Gebieten nahe der Front aufnehmen.